Vom Schwarzen Schwan und der Angst vor dem Unwahrscheinlichen

Was können wir aus der aktuellen Finanzkrise lernen? Sie zeigt uns eindrücklich die unausweichliche globale und komplexe Vernetztheit, den sekundenschnellen und weltumspannenden Informationsfluss sowie den gewaltigen Einfluss der Medien:
Erst wissen sie alles besser, und danach wollen sie von ihren ursprünglichen Aussagen nichts mehr wissen. Besonders interessant sind die Lehren für den Berufstand der Controller und CFO. Einige Erkenntnisse sind keineswegs neu. Sie wurden aber systematisch ignoriert, auf dass die Finanzparty der letzten Jahre nicht gestört werde. Letztlich wollte sie auch keiner hören: Nicht sein kann, was nicht sein darf? Da ist es kaum verwunderlich, dass Nassim Nichalos Talebs Buch «Der Schwarze Schwan» in vielen Ländern ein Bestseller ist. Der Hintergrund: Der Schwarze Schwan ist das Symbol für extrem unwahrscheinliche Ereignisse. Die Metapher geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Damals gab es für Europäer nur weisse Schwäne. Dann wurden in Australien schwarze Exemplare entdeckt, was niemand, aber auch gar niemand für möglich gehalten hatte.
In meinen nachfolgenden Ausführungen nehme ich einige von Talebs Überlegungen auf und ergänze sie mit persönlichen Erfahrungen und Meinungen.


1. Murphy’s Law stimmt nicht. Es kommt alles noch viel schlimmer. Jeder kennt das Gesetz des amerikanischen Ingenieurs Eduard A. Murphy jr: «Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. – Whatever can go wrong, will go wrong.» In Tat und Wahrheit kommt es aber in Krisen – oder löst es diese gar aus? – noch viel schlimmer. Früher oder später wird die schlimmstmögliche Verkettung von Umständen eintreten, und alles auf die Art schiefgehen, die den grössten Schaden anrichtet. In der Offiziersschule wurde mir schon vor Jahrzehnten die Friktionstheorie vermittelt, welche ich mittlerweile verinnerlicht habe. Dabei stellten wir uns immer wieder die gleiche Frage: Was kann passieren? Darauf basierend sorgten wir vor, um beim Eintreten eines Ereignisses Lösungen bereit zu haben. So konnten wir auch mit Überzeugung sagen: Was kann uns denn schon
passieren!


2. Wir sehen immer nur das Ergebnis, aber nie die Entwicklung dazu. Taleb schreibt zu Recht: «Die Logik des schwarzen Schwans macht das, was wir nicht wissen, viel bedeutungsvoller als das, was wir wissen». Oftmals blenden wir Komplexes oder Zufälliges einfach aus, beurteilen Entwicklungen im Rückspiegel, werten Fakten zu hoch und glauben blind an Experten.


3. Die Zukunft ist nur beschränkt prognostizierbar. Nach Taleb versucht der Mensch, die Zukunft vorhersehbar zu machen. Er, der Mensch, geht dabei von seinem eigenen, sehr beschränkten Erfahrungs- und Wissensschatz aus und stellt Zukunftsprognosen. Doch die Wirklichkeit, so Taleb, ist chaotisch, überraschend und unberechenbar. Hier liegt meines Erachtens auch eines der Hauptprobleme unseres Berufsstandes: Wir gaukeln eine Genauigkeit vor. Dies gilt sowohl für die Rechnungslegungsstandards – «true and fair» – wie auch für die heisse Luft, mit der wir ewige Renten auf zwei Kommastellen genau diskontieren.


4. Einige Risikomodelle taugen nichts. Die Gauss’sche Glockenkurve mit ihrer Normalverteilung ist überholt, denn Extremwerte werden einfach ausgeblendet. Die Folge: In der aktuellen Finanzkrise hat die moderne Portfolio-Theorie aus den 50-er-Jahren (!) für viele Anleger äusserst schmerzlich versagt. Diversifikation, Korrelationen: Stresstest nicht bestanden.


5. Was tausendmal gut geht, geht nicht immer gut. Oder: Was nicht sein darf, darf nicht sein! Wenn etwas tausendmal auf gleiche Weise passiert, gehen wir davon aus, dass es immer so ablaufen wird. Auch hier bringt Taleb ein wunderbares Beispiel. 1000 Tage lebt er sorglos und wird fürsorglich gefüttert. Aber dann, am 1001. Tag dreht ihm die Hand, die ihn so liebevoll gefüttert hat, den Hals um. Was lange gut geht, muss also nicht zwingend so weitergehen. Das Extremereignis Erntedankfest hat das Leben des Truthahns zerstört. Immerhin: Fast drei Jahre wusste der Truthahn nichts davon. Passiert Gleiches nicht auch in erfolgreichen Unternehmen? Macht Erfolg nicht hin und wieder schläfrig? Werden frühe Warnzeichen nicht allzu häufig negiert und berechtigte Hinweise und Kritik abgetan mit der Killerphrase: «Wir sind doch erfolgreich!»? Und plötzlich steht die Krise vor der Tür.


6. Wir leben in Extremistan! Taleb unterscheidet Mediokristan und Extremistan. In Ersterem regiert das Mittelmass, alles ist durchschnittlich und vorhersagbar. Er illustriert dies am Beispiel von 999 zufällig ausgewählten Menschen, zu denen ein Schwergewicht von 200 kg hinzukommt. Am Durchschnittsgewicht ändert das nicht viel – aus einem Durchschnittsgewicht von 80 kg der 999 Personen wird nunmehr 80,12 kg. Niemand kann sich in Mediokristan vorstellen, dass es einen Menschen mit x-tausend kg gibt. Anders sieht es in Extremistan aus; hier treten extreme Ereignisse zufällig ein. Nehmen wir hier an, 999 Personen mit einem Durchschnittsvermögen von 1 Million reihen sich auf und nun kommt noch Bill Gates mit seinen 80 Milliarden hinzu: Der Durchschnitt schnellt von 1 Million auf nunmehr rund 81 Millionen hoch! Hier gibt es also Extremwerte, welche den Rest der Stichprobe bedeutungslos machen. Heute, morgen leben wir in Extremistan!


7. Verzerrungen, Verzerrungen, Verzerrungen. Taleb sieht die verschiedenen Arten von Verzerrungen als eines der Kernprobleme und bringt sehr illustrative Beispiele. Ein Casino in Las Vegas hatte die Gewinnchancen auf Basis der Wahrscheinlichkeitsrechnung mit einem extrem ausgeklügelten System berechnet. Aber: Der GAU war der unversicherte Tiger-Unfall von Roy. Schaden: rund 100 Millionen Dollar. Fazit: Wir konzentrieren uns auf Dinge, die einigermassen erforscht sind – die wirklich grossen Risiken können dabei aber übersehen werden. Cicero zeigte einem Mann, der nicht an Götter glaubte, Bilder, auf denen Menschen erst beteten und danach einen Schiffsuntergang überlebten. Es liesse sich nun der Zusammenhang konstruieren, dass Beten sie beschützt hatte. Allerdings fragte der Ungläubige Diagoras gleich nach, wo denn die Bilder der Ertrunkenen seien, die ja ebenso gebetet hätten. Fazit: Wir fallen auf Geschichten herein, bei denen wir einen Bruchteil von dem sehen, was wirklich vor sich geht. Erzählt uns jemand, dass er an einem unwahrscheinlichen Ort überfallen wurde, werden wir den Ort meiden. Nicht weil das Risiko objektiv gesehen gross ist, sondern weil wir gerade eine gute Geschichte dazu gehört haben. Fazit: Wir erinnern uns lieber als zu analysieren. Wir nehmen eine emotionale Geschichte ernster als nackte Fakten. Kurz: Wir halten das, was wir sehen, für wichtig und richtig, und vernachlässigen dabei Dinge, die wir nicht wahrnehmen können oder manchmal auch nicht wahrnehmen wollen. Was nicht bewiesen ist, so sagen wir uns, existiert auch nicht. Und das macht uns blind für das Potenzial der Schwarzen Schwäne. Nur wer alles hinterfragt, unbequeme Fragen stellt und nicht alle Theorien und Modelle für sakrosankt hält, wird von schwarzen Schwänen nicht oder nur selten überrascht. Oder von jenem kleinen Eichhörnchen, das kürzlich die halbe Stromversorgung von Oerlikon inklusive Schweizer Fernsehen für Stunden lahmlegte, weil es sich ein Plätzchen im warmen Stromverteiler suchte. Mit anderen Worten: Wir sollen Dogmen misstrauen und ausserhalb der gängigen Schachteln denken.


Bleibt die Frage, ob diese Lehren nun in unserer Branche angekommen sind oder ob wir bereits wieder die nächste Party stören?